29.12.2012

KONFESSIONELLE MISSVERSTÄNDNISSE: HEILIGENVEREHRUNG

Erst kürzlich wurde ich wieder Zeuge einer jener Konversationen, in deren Verlauf der katholischen Gesprächspartei der Vorwurf gemacht wurde, Katholiken würden die Heiligen anbeten und damit klar gegen biblische Gebote verstoßen. Es ist dies ein Vorwurf, der auf einem krassen Missverständnis beruht, der sich aber nichtsdestotrotz in evangelischen und evangelikalen Kreisen hartnäckig hält. Merkwürdigerweise scheinen es oft Ex-Katholiken und Konvertiten zu sein, die durch ihr Zeugnis zur Verfestigung des Klischees beitragen. Es braucht, denke ich, nicht eigens erwähnt zu werden, dass die Vorstellung, die andere konfessionelle Seite betreibe permanenten Götzendienst, dem ökumenischen Dialog nicht gerade förderlich ist. Es ist also wünschenswert, dass auch der evangelische Christ diesbezüglich über die Motive und Sichtweisen seiner katholischen Brüder und Schwestern Bescheid weiß.

Deshalb hier nun die 6 häufigsten Vorwurf-Varianten – und warum sie aus katholischer (und letztlich auch aus evangelischer!) Sicht nicht treffen:

1. „Katholiken beten die Heiligen an und betreiben Götzendienst!“ Hier gilt: Stimmt die Prämisse nicht, sieht es meist auch mit der Konklusion schlecht aus. Auch Katholiken lesen die Bibel; und ja, auch katholische Bibeln enthalten den Dekalog mitsamt Gebot numero uno: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex 20, 3). Folgerichtig weist auch der Katechismus der katholischen Kirche darauf hin, dass es Götzendienst ist, „wenn der Mensch anstelle Gottes etwas Geschaffenes ehrt und verehrt“ (KKK 2113). Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Formulierung ‚anstelle Gottes‘. Die katholische Theologie unterscheidet nämlich seit alters her zwischen der Verehrung (doulia, veneratio), die den Heiligen erwiesen werden kann und soll, und der Verehrung bzw. Anbetung (latria, adoratio), die allein dem dreieinigen Gott gebührt. Die Heiligen, die ja auch Geschöpfe sind, sind also keine Götter neben Gott, sondern begnadete Christenmenschen, die sich Gott in ihrem irdischen Leben auf besonders vorbildliche Art und Weise zur Verfügung gestellt haben. Nicht mehr und nicht weniger. Wie sagte schließlich schon der hl. Ignatius von Loyola: "Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm nur zur Verfügung stellen würden."

2. „Katholiken suchen ihr Heil bei den Heiligen und nicht bei Christus, dem Erlöser!“ Das ist ein Vorwurf, den bereits der evangelisch-reformierte Heidelberger Katechismus (1563) erhebt: „Glauben denn auch die an den einzigen Heiland Jesus, die Heil und Seligkeit bei den Heiligen, bei sich selbst oder anderswo suchen? Nein. Sie rühmen sich zwar seiner mit Worten, verleugnen ihn aber mit der Tat“ (Frage 30). Das interessante daran ist, dass auch jeder gut informierte Katholik dem Heidelberger hier zustimmen kann! Denn auch Katholiken suchen Heil und Seligkeit natürlich nicht bei den Heiligen, sondern bei Jesus Christus, wie ein Blick in das entsprechende Dekret des Tridentinums (1545 - 1563) bestätigt: „Die Heiligen, die zusammen mit Christus herrschen, bringen ihre Gebete Gott dar; es ist gut und nützlich, sie flehentlich anzurufen und zu ihren Gebeten, ihrem Beistand und ihrer Hilfe Zuflucht zu nehmen, um von Gott durch seinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn, der allein unser Erlöser und Erretter ist, Wohltaten zu wirken.“ Um Fürbitte geht’s also, nicht um die Erlösung durch Heilige. 

3. „Jesus ist der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen!“ Dieser Vorwurf ist biblisch unterfüttert, heißt es doch im 1. Timotheusbrief: „Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (2,5). Die Frage ist jedoch: Schließt die in der Tat einzigartige Mittlerschaft Christi jegliche weitere Vermittlung auf unteren Ebenen kategorisch aus? Das II. Vatikanische Konzil meint Nein: Zwar kann keine Kreatur „mit dem menschgewordenen Wort und Erlöser jemals in einer Reihe aufgezählt werden. Wie aber am Priestertum Christi in verschiedener Weise einerseits die Amtspriester, andererseits das gläubige Volk teilnehmen und wie die eine Gutheit Gottes auf die Geschöpfe in verschiedener Weise wirklich ausgegossen wird, so schließt auch die Einzigkeit der Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen Bereich eine unterschiedliche Teilnahme an der einzigen Quelle in der Mitwirkung nicht aus, sondern erweckt sie“ (LG 62). Die einzigartige Mittlerschaft Christi macht unsere, und die Mittlerschaft der Heiligen, also erst möglich. Und tatsächlich, war es nicht der Herr Jesus selbst, der sagte: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21)? „Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt“ (2 Kor 5,20a). 

4. „Die Verehrung der Heiligen beraubt Gott der Ehre, die allein ihm zusteht.“ Die Frage ist: Warum sind die Heiligen eigentlich heilig? Die durchaus evangelische Antwort: Aus Gnade und auf Grund der Verdienste Christi! Am Beispiel der Jungfrau Maria erklärt, hört sich das so an: „Jeglicher heilsame Einfluss der seligen Jungfrau auf die Menschen kommt nämlich nicht aus irgendeiner sachlichen Notwendigkeit, sondern aus dem Wohlgefallen Gottes und fließt aus dem Überfluss der Verdienste Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft“ (LG 60). Und dabei handelt es sich nicht bloß um sophistisches Theologensprech oder Konzilschinesisch, wie das volksfromme Liedgut zeigt. Aus der 3. Strophe des beliebten marianischen Liedes »Sag an wer ist doch diese« (GL 588): „Du strahlst im Glanz der Sonne, / Maria, hell und rein; / von deinem lieben Sohne / kommt all das Leuchten dein.“ Es gilt also: Wer das Bild lobt, der ehrt den Künstler. Allein Gott in der Höh sei Ehr! 

5. „Das ist unbiblisch!“ Katholiken sehen das naturgemäß etwas anders. Bereits im 15. Kapitel des 2. Makkabäerbuches erscheint dem Judas Makkabäus der zu diesem Zeitpunkt längst verstorbene Prophet Jeremia, von dem es heißt: „Das ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und die heilige Stadt betet, Jeremia, der Prophet Gottes“ (V. 14). Auch dann, wenn man die Makkabäerbücher als apokryph und somit nicht autoritativ zurückweist, sollte man doch zur Kenntnis nehmen, dass dem nach-exilischen Judentum die Vorstellung von Fürbitte leistenden Heiligen keineswegs fremd war. Doch auch das Neue Testament verdammt die Heiligen, die ihren irdischen Lauf bereits vollendet haben, keineswegs zur Untätigkeit; vielmehr sind die Heiligen im himmlischen Thronsaal höchst aktiv und rufen „mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ (Offb 6,9-10) Und auch der Autor des Hebräerbriefes erinnert die hebräischen Christen daran, dass sie in ihren Gottesdiensten u.a. hinzutreten „zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels“ (Heb 12,22b-24). 

6. „Das ist völlig unnötig“, lautet ein weiterer Einwand. „Unnötig?“, fragt der Katholik. „Sind Gebet und Fürbitte jemals unnötig?“ Und in der Tat: Bitten wir nicht ständig Brüder und Schwestern, für uns zu beten „zu Gott, unserm Herrn“? Nun ist es gute, alt-kirchliche Überzeugung, dass die Gebetssolidarität der einzelnen Glieder am Leibe Christi den Tod (der ja überwunden ist!) überdauert und die Grenzen der Sphären transzendiert: Die verherrlichte, triumphierende Kirche im Himmel (ecclesia triumphans) tritt im Gebet ein, für die Brüder und Schwestern der auf Erden streitenden und kämpfenden Kirche (ecclesia militans). Diese Unterstützung sollte uns hochwillkommen sein, denn wir haben ja auch „nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (Eph 6,12). Außerdem darf man, so John Henry Newman, gewiss sein, „dass die katholische Kirche kein Bild irgendwelcher Art, sei es materiell oder immateriell, kein dogmatisches Symbol, keinen Ritus, kein Sakrament und keinen Heiligen, nicht einmal die allerseligste Jungfrau zwischen die Seele und ihren Schöpfer treten lässt. Der Mensch steht seinem Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüber, solus cum solo. Er allein ist Schöpfer und Erlöser; vor seinen erhabenen Augen gehen wir in den Tod, und sein Anblick ist unsere Seligkeit.“ Gelobt sei Jesus Christus. In Ewigkeit. Amen. 

Was für ein Fazit können wir in ökumenischem Geiste ziehen? Nun, ein bescheidenes. Es war nie die Absicht, aus nüchternen Calvinisten wallfahrende Heiligenverehrer zu machen. Sollte es aber gelungen sein, zur Auflösung eines konfessionellen Missverständnisses beigetragen zu haben, so wäre das Ziel dieses Posts erreicht. Verstauen wir die antikatholischen und die gegenreformatorischen Klischees, eins nach dem anderen, in der Mottenkiste der konfessionellen Polemik! Der nächste Beitrag in der Reihe Konfessionelle Missverständnisse wird sich mit dem Formalprinzip der Reformation, dem »sola scriptura« befassen. Es wird dann also evangelischer …

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