29.12.2012

WHAT ELSE IS THERE?

Als der amerikanische Romancier und Essayist Walker Percy einst von einem Journalisten, der er selber war, sinngemäß gefragt wurde, warum er angesichts der Fülle der Bekenntnisse und Weltanschauungen ausgerechnet zum Katholizismus konvertiert sei, antwortete er lakonisch: „What else is there?“ Einen ähnlichen Gedanken fasst der kolumbianische Philosoph und Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, wenn er die für ihn in Frage kommenden Optionen wie folgt benennt: „Skeptiker oder Katholik: der Rest vergeht mit der Zeit.“

Beide Aussagen bringen jenes katholische Selbstverständnis zum Ausdruck, das von Nicht-Katholiken zumeist nicht allzu begeistert aufgenommen, ja mitunter sogar als überheblich und anmaßend empfunden wird; nämlich jenes, das besagt, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche verwirklicht sei (vgl. Lumen gentium 8). Und damit nicht genug. Wir erinnern uns: Groß war der mediale Aufschrei, als die Kongregation für die Glaubenslehre uns im Jahr 2000 mit Dominus Iesus die alte Wahrheit neu ins Gedächtnis rief, dass die kirchlichen Gemeinschaften, „die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben“, keine Kirchen im eigentlichen Sinne seien. Pech gehabt, Protestanten?

Was war los? Panzerkardinal und Großinquisitor Ratzinger auf einem vormodernen Kreuzzug gegen die evangelischen Kirchen?  Wie konnte diese eine Kirche, die ihr irdisches Hauptquartier im fernen, fernen Rom hat, von sich behaupten, als einzige im Vollbesitz christlicher Fülle und Wahrheit zu sein? Ein Skandal allererster Güte, denn an nichts leidet der postmoderne Pluralist bekanntlich mehr, als am selbstbewusst vorgetragenen Wahrheitsanspruch des Religiösen. Aber nichtsdestotrotz: Ist die Entrüstung nicht allzu verständlich? Gerade auch aus evangelischer Sicht? Ist der katholischen Schriftstellerin Flannery O’Connor angesichts solch lehramtlicher Aussagen nicht doch ein bisschen Recht zu geben, wenn sie die Selbstgefälligkeit als die katholische Sünde schlechthin bezeichnet [„Smugness is the great Catholic sin“]?

Bevor man nun aber allzu vorschnell geneigt ist, diese Flannery-Frage einseitig mit Ja zu beantworten, sollte man eines nicht vergessen: Es waren seinerzeit die protestantischen Reformatoren, die zuerst meinten, im Papst den wahrhaftigen Antichristen erblickt zu haben. In der Folge trennten sich die Wege. In den Schmalkaldischen Artikeln (die noch heute zum Bekenntnisstand der lutherischen Kirchen gehören) heißt es vom Papste, dass er „der rechte Endchrist oder Widerchrist sei, der sich über und gegen Christus gesetzt und erhöht hat, weil er die Christen nicht selig sein lassen will ohne seine Gewalt, welche doch nichts ist, von Gott nicht geordnet noch geboten.“ Und in den 39 Artikeln der Kirche von England (die sich bis heute in jeder Ausgabe  des Book of Common Prayer, dem offiziellen Gebetsbuch der Anglikanischen Gemeinschaft, finden) heißt es von der römischen Kirche, dass sie sich im Irrtum befindet, „und zwar nicht nur im Handeln und in den zeremoniellen Riten, sondern auch in Glaubenssachen.“

Selbstredend enthält sich die evangelische Kirche der Freiheit heutzutage, diesseits der Aufklärung, solchen Vokabulars und fordert nun lieber die versöhnte Verschiedenheit – zu beinahe gänzlich protestantischen  Bedingungen, versteht sich. Es bleibt eben dabei: Auch der Protestant ist letztlich Protestant, weil er den Protestantismus für richtig(er) erachtet! Das gilt vom bibeltreuen Evangelikalen wie vom liberalen Bultmann-Jünger, vom russlanddeutschen Baptisten wie vom harnackschen Kulturprotestanten. Jeder ist, was er ist und tut, was er tut, weil er es so für richtig hält. Und das ist auch gut so. Jedoch: Wie man es dreht und wendet, immer ist er da, der leidige Wahrheitsanspruch! Auch mit dem Hier-stehe-ich-und-kann-nicht-anders scheint also bei Licht betrachtet kein dialogischer Blumentopf zu gewinnen zu sein. Pech gehabt, Katholiken?

Was heißt das nun aber für die Ökumene? Soll tatsächlich jeder ohne Abstriche auf dem beharren, was er als gut, wahr und schön erkannt zu haben meint? Oder soll man lieber fünfe gerade sein lassen und die je eigenen konfessionellen Proprien sukzessive preisgeben? Entweder Ende im antagonistischen Gelände oder konfessionelle Selbstaufgabe zu Gunsten der großkirchlichen Wiedervereinigung. Aber bleibt uns wirklich nur diese Wahl zwischen Skylla und Charybdis, zwischen ökumenischem Stillstand einerseits und theologischem Relativismus andererseits? Let’s face it: Die so genannte Ökumene von unten hat längst den relativistischen Weg des geringsten Widerstandes eingeschlagen: Evangelische Christen, die meinen »sola fide« sei eine Solarstrominitiative des zuständigen Bundesministeriums, treffen auf deutsche Katholiken, die nun ihrerseits den Papst für den ultramontanen Antichristen halten, und feiern gemeinsam zeitgeistige Gottesdienste im Namen der Mutter, der Logoskraft und der Heiligen Geistin. Pech gehabt, (evangelische und katholische) Orthodoxie?

Zugegeben, das war polemisch. Zum Glück geht es ja auch anders – nämlich im echten ökumenischen Dialog, jenseits von Selbstaufgabe und falschem Irenismus: Die katholische Kirche bekennt im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils von den von ihr getrennten Kirchen und Gemeinschaften, dass der Geist Christi sich gewürdigt hat, „sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet“ (Unitatis redintegratio). Und in der Enzyklika Ut unum sint aus dem Jahr 1995 heißt es gar, dass in den getrennten Kirchen und Gemeinschaften „gewisse Aspekte des christlichen Geheimnisses bisweilen sogar wirkungsvoller zutage treten“ können. Und ja, auch konservative Protestanten strecken zuweilen zaghaft ihre Fühler gen Rom aus. In sexual- und bioethischer Hinsicht haben Evangelikale, Freikirchler, landeskirchliche Gemeinschaften und evangelische Bekenntnisbewegungen ohnehin mehr mit den getrennten Brüdern auf der anderen Seite des Tibers gemein als mit den Genderbeauftragten und grünen Parteigängern im Rat der EKD. Und als ob das noch nicht genug wäre: Sogar die Jesus-Bücher des Papstes erfreuen sich an den Büchertischen evangelikaler Gemeinden größter Beliebtheit – wohl auf Grund ihrer kanonischen Schrifttreue. Pech gehabt, Bultmann?

Grund genug also, sich die Frage »What else is there?« einmal auf nicht-ironische Art und Weise zu stellen und einen Blick über den eigenen konfessionellen Tellerrand zu wagen. Ganz nach dem paulinischen Motto: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 21) Die Zukunft der Ökumene liegt ohnehin nicht in trotzigen politischen Initiativen à la Ökumene- Jetzt!. Die wahre Ökumene der Zukunft muss vielmehr eine Ökumene der Überzeugten auf beiden Seiten sein, eine Ökumene derer, die um die Eigenheiten und Unterschiede wissen und die im Glauben und in der Liebe um Einheit und Wahrheit ringen – oder besser: um Einheit in Wahrheit. Das haben uns Theologen wie Philipp Melanchthon, Johann Adam Möhler, Hans Urs von Balthasar, Karl Barth u.a. immer wieder vorgemacht. Tief verwurzelt in ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition konnten diese großen Denker und Beter die Stärken und Schwächen der jeweils anderen Seite erkennen und konstruktiv nutzen. Auf diese Weise haben sie letztlich mehr zur spirituellen und ekklesialen Einheit der Christen beigetragen als tausend Dialogprozesse und Kirchenvolksbegehren.

Tun wir es ihnen nun – stets im Rahmen unserer ungleich bescheideneren Blogger- und Kommentatoren-Möglichkeiten – nach und gleich. Hier ist Raum für Kontroverstheologisches – für Protestantisches, Evangelikales, Orthodoxes und Katholisches. Entdecken wir das Gute auf der jeweils anderen Seite, räumen wir Missverständnisse aus, gehen wir gemeinsam an die Grenzen der Gemeinsamkeit – und vergessen wir dabei nie, wie sehr ein solches Unterfangen voraussetzt, dass alle „Gesprächspartner Gott vor sich und nicht im Rücken haben! Vielmehr auf Ihn zuschreiten, als den immer Größeren und Geheimnisvolleren, der, nach Augustins Wort, unendlich ist, um auch als Gefundener je neu gesucht zu werden“ (Hans Urs von Balthasar).

In diesem Sinne: Herzlich willkommen auf WHAT ELSE IS THERE? …


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