10.01.2013

GOTTESERKENNTNIS UND FALL

Bereits in dem Beitrag "Schöpfungsglaube und Anfechtung" versuchte ich zu beschreiben, wie unser christlicher Schöpfungsglaube von der scheinbaren Überzeugungskraft rein naturalistischer Theorien arg angefochten werden kann - unnötigerweise.

Ähnlich und doch anders als im Fall der wissenschaftlichen Weltbetrachtung, verhält es sich mit der intuitiven Weltfühligkeit des postmodernen Menschen. Camus hat Recht, wenn er in seinem philosophischen Frühwerk »Der Mythos des Sisyphos« schreibt: „Das Gefühl der Absurdität kann an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen.“ Selbst der Reformator Calvin, der die Schöpfung an der Schwelle zur Neuzeit noch ein Theater der göttlichen Herrlichkeit (theatrum gloriae Dei) nennen konnte, kommt nicht umhin, der Welt eine gewisse Ambivalenz zu attestieren: Zwar ist es, ihm zufolge, dem Menschen vermittels eines natürlichen Ahnvermögens prinzipiell möglich, aus den wahrgenommenen Werken der Schöpfung eine gewisse Ahnung von der Gottheit zu gewinnen, diese Ahnung jedoch ist keineswegs zwingend, bleibt stets vage und wird von anderen Eindrücken konterkariert. Die Himmel mögen die Ehre Gottes verkünden (Ps 19,1), doch das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht uns schaudern (Blaise Pascal).

Um wie viel mehr gilt das heute, da wir um die Größe des Alls, das Alter der Erde und die qualvolle, mäandernde Länge  bio- logischer Entwicklung wissen? „Als aber die Jünger es sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung?“ (Mt 26,8) Ist das nicht, bewusst oder unbewusst, unser Problem und der Stachel im Fleisch einer jeden naiven Schöpfungsfrömmigkeit: Wozu solche Verschwendung? Ist der Kosmos nicht am Ende doch Chaos? Hier und da von zufallsgeborenen Ordnungsparzellen durchsetztes Chaos, ja – aber unterm Strich doch irrational? Es ist, so Camus, der Zusammenstoß des Irrationalen „mit dem heftigen Verlangen nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird“, aus dem die Absurdität geboren wird. Wie aber kann das sein? Wie kann es eine solche Irrationalität, mit der der menschliche Geist zu kollidieren im Stande ist, überhaupt geben, wenn, wie wir schon bekannten, im Anfang das Wort, der Logos, die Ordnung steht? Woher der negative Pol der Ambivalenz? Warum überhaupt so etwas wie Ahnvermögen und nicht gleich gesicherte Gotteserkenntnis im Sinne einer wirklichen theologia naturalis? Die Antwort: die Fallsgestaltigkeit des Menschen.

Der Sündenfall ist das Stiefkind der gegenwärtigen Verkündigung. Man schämt sich seiner. Einerseits, weil der jahwistische Bericht vom Fall in der Theologie- und Kirchengeschichte allzu lange allzu wörtlich genommen wurde und man sich nun die Peinlichkeit ersparen möchte, von den weltweisen Zeitgenossen für unaufgeklärt gehalten zu werden; andererseits, weil die Rede von Verdorbenheit, Schuld- und Sündhaftigkeit des Menschen nicht in das Programm eines Christentums passt, das sich vorwiegend als affirmativ und therapeutisch begreift. Ohne ins exegetische oder dogmatische Detail gehen zu wollen, es muss wieder deutlich gesagt werden: Der Mensch ist die gefallene Kreatur! Ursprünglich als Ebenbild und Repräsentant Gottes aus der allgemeinen Natur- und Evolutionsgeschichte hervor- und herausgetreten, verweigert er dem, der ihn von Anbeginn gewollt und aus dessen allgütiger Hand er das Leben empfangen hat, Gefolgschaft und kindliche Liebe und stürzt sich in die verhängnisvolle Selbstbezogenheit, in der er seitdem sein Dasein fristet. Nur wenn dies mit bedacht (und mit verkündigt!) wird, lässt sich der Widerspruch auflösen, dass der an sich rationale Kosmos als irrationales Chaos wahrgenommen werden kann.

Das Wort mag im Anfang sein, doch der natürliche Mensch, der nichts mehr vom Geist Gottes vernehmen kann (vgl. 1 Kor 2,14a), erkennt es nicht und empfindet in der Folge sogar seine eigene Existenz als absurd. Man kann ihm dieses Empfinden nicht zum Vorwurf machen, denn das Dasein des Menschen außerhalb der Gottesbeziehung ist tatsächlich absurd. Wir können in Abwandlung Heideggers formulieren, dass demjenigen Dasein, dem es in seinem Sein nicht länger um das Sein selbst geht, der Blick auf das Seiende gar nicht recht gelingen kann. Oder anders: Wer sein Leben an Gott und damit an seiner ursprünglichen und letzten Bestimmung vorbei lebt, der darf sich nicht wundern, wenn ihm auch die Schöpfung Gottes ein „dunkler Spiegel“ (Karl Barth) bleibt.

Natürlich, gemäß der von Calvin (und in der Folge auch von Barth) postulierten Ambivalenz der Schöpfung darf auch der positive Ambivalenzpol nicht gänzlich aus dem Blick geraten, denn auch das Gefühl plötzlicher Sinnhaftigkeit kann an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen und, calvinisch gesprochen, sein Ahnvermögen beflügeln. Und auch das I. Vatikanum definiert, dass Gott „mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Gewissheit erkannt“ werden kann. Trotzdem: Grund für eine allzu optimistische Beurteilung des natürlichen Vermögens zur ungetrübten Gotteserkenntnis ist nicht gegeben. Denn: Was der Mensch aus dem Erahnten oder gar Erkannten macht, hängt wesentlich davon ab, ob er noch Gefallener ist (und die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhält) oder schon Wiederaufgerichteter: „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.“ (Heb 11,3) Aufgabe der Verkündigung ist es, eben solchen Glauben zu wecken, den Schatten der Irrationalität mit dem Licht der Offenbarung zu vertreiben und auch den postmodernen Menschen seiner Bestimmung als Repräsentant Gottes zuzuführen. Das Wort vom Wort, das im Anfang war, will weitergesagt werden.   

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