24.01.2013

HÄRESIE DES WEGLASSENS

Ist es nicht treffend, dass das griechische Wort Haíresis (αἵρεσις), von dem wir unseren Begriff ‚Häresie‘ herleiten, auch so viel bedeuten kann wie ‚Wahl‘ oder ‚Auswahl‘? Oft ist es doch so, dass nicht allein das Gesagte den Irrtum lehrt, sondern vielmehr das Gesagte in Verbindung mit dem, was nicht gesagt, was wider besseres Wissen verschwiegen wird. Gut, man könnte nun zu Recht einwenden, dass nicht immer alles zu hundert Prozent verbal-orthodox ausformuliert werden kann und dass so jeder Vortrag, jede Predigt und jeder Artikel notwendig ein bisschen häretisch ist. D’accord. Wer auf begrenztem Raum oder in begrenzter Zeit etwas sagen will, der muss natürlich eine Auswahl treffen, der muss dieses aussprechen und jenes weglassen.
      
Was aber, wenn wir in Bezug auf die Inhalte unseres Glaubens permanent so verfahren? Was, wenn gewisse Glaubenssätze nicht nur in einem klar umgrenzten und begrenzten Kontext ausgespart werden, sondern, mir nichts dir nichts, gar nicht mehr zur Sprache kommen und so quasi en passant aus der Verkündigung gestrichen werden? Hier einige wenige Beispiele: 

Ein bei Taufen beliebter Vers ist Mk 16,16. Ich habe schon einige Taufgottesdienste miterlebt – katholische, evangelische und auch baptistische. Fast immer wird wie folgt zitiert: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet.“ Punkt. Das ist schön und natürlich dem freudigen Anlass einer Taufe angemessen. Vergessen (oder besser: verdrängt) wird dabei nur, dass das nicht der ganze Vers ist. Im Original und in nahezu allen Übersetzungen heißt es nämlich: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ Das nun wieder möchte man der versammelten Festgemeinde dann doch nicht (mehr) zumuten. Sonst käme noch jemand auf die absurde Idee, es ginge wirklich um Erlösung oder sowas. 

Ein anderer biblischer Bereich, in dem die gutmenschliche Zensur fröhliche Urstände feiert, sind die Psalmen. Schon mal einen evangelischen Gottesdienst zum Thema „Bewahrung der Schöpfung“ besucht? Ja? Dann ja bestimmt auch Psalm 8 gehört: „HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet. Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast“ usw. Aber Momentchen mal, fehlt da nicht was? Da bei den Kindern und Säuglingen? Aber ja doch: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen“, heißt es in der Luther-Übersetzung tatsächlich. Aber diesen alttestamentlichen Gottesbegriff, den mit Zorn und Strafen und Vertilgen, den haben wir Aufgeklärten doch zum Glück längst überwunden, oder? 

Einer geht noch. Da hört man sich im Auto eine CD mit christlichem Liedgut an und freut sich schon, dass gleich auch Bonhoeffers »Von guten Mächten« kommt. Und es kommt, ganz ordentlich vertont, mit allen Strophen – bis auf eine:

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

"Das geht ja nun auch wirklich nicht", denkt sich der Mensch von heute. "Unser Gott ist ein guter, ein lieber Gott. Niemals käme der auf die Idee, uns einen schweren, bitteren Kelch zu reichen. Auf solche Ideen kommen nur so Märtyrer-Hansel wie Paulus, Bonhoeffer oder Thomas Morus, die im Leben nun wirklich nichts zu erdulden hatten. Mir hingegen haben sie das Weihnachtsgeld gekürzt! Und Vanilleeis war auch schon wieder ausverkauft – so grausam kann kein Gott sein." Und so verschwindet - ganz heimlich, still und leise - auch er, der Glaube an die göttliche Vorsehung.

Zugegeben, das war etwas übertrieben. Darum zurück zur Ausgangsfrage: Was macht das mit uns? Inwiefern prägt es den Glauben der Menschen, wenn Sachen wie die oben genannten einfach verschwiegen, gestrichen oder zensiert werden? Die Antwort dürfte klar sein: Ganze Dimensionen des Gottesbildes und des gelebten Glaubens gehen uns verloren. Das z.B., was unseren Müttern und Vätern im Glauben half, „in aller Widerwärtigkeit geduldig, in Glückseligkeit dankbar und auf die Zukunft hin voller Vertrauen zu unserem treuen Gott und Vater“ (Heidelberger Katechismus) zu sein, das fehlt uns Heutigen. Ungläubig starren wir auf das Leid und den Schmerz in der Welt und versuchen unsere zuckersüße Vorstellung von einem lieben Gott und seiner guten Schöpfung in Einklang zu bringen mit all dem Bösen, dem Hässlichen und Schlechten, das zuweilen auch guten Menschen widerfährt. So mancher Glaube zerbricht daran. 

Um nicht missverstanden zu werden: Gott ist gut! Jeder begnadigte und begnadete Sünder, jeder Christ weiß das. Aber Gott ist eben auch der Gott der spricht: „Ich bin der Herr und sonst niemand. Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt.“ (Jes 45,6.7) Dementsprechend ist es auch nicht falsch, wenn wir mit Hanna bekennen: „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.“ (1 Sam 2,6.7) Oder uns mit Hiob fragen: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Hiob 2,10)

Das mag hart, unbequem und unpopulär sein, es mag uns nicht in den Kram passen; am Ende jedoch liegt unaussprechlicher, seliger Trost darin. Nur so ist es zu erklären, dass der Völkerapostel den Stachel im Fleisch annehmen und sich seiner Schwachheit rühmen konnte (vgl. 2 Kor 12,7 ff.). Nur so ist es zu erklären, dass Bonhoeffer in seiner Zelle eine Strophe wie die obige dichten konnte. Und nur so ist es zu erklären, dass der hl. Thomas Morus seine Tochter am Vorabend seiner Hinrichtung mit den Worten trösten konnte: „Es kann nichts geschehen, was Gott nicht will. Was immer er aber will, so schlimm es auch scheinen mag, es ist für uns dennoch wahrhaft das Beste."
 
Seien wir also stets darum bemüht, den ganzen Willen, den ganzen Ratschluss Gottes zu bedenken und zu verkünden (vgl. Apg 20,27). Gott weiß sehr viel besser als wir, warum er offenbart hat, was er offenbart hat und es ist nicht an uns, den Allerhöchsten zu zensieren. Und Christ, vergiss nicht: „Wenn Du glaubst, was Dir am Evangelium gefällt, und zurückweist, was Dir nicht gefällt, vertraust Du nicht dem Evangelium, sondern Dir selbst.“ (Augustinus)

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