04.01.2013

GETRENNTE BRÜDER: KARL BARTH UND PAUL VI.

Eberhard Busch berichtet in seinem lesenswerten Buch "Karl Barths Lebenslauf", das zum Gutteil aus autobiographischen Texten des kirchlichen Dogmatikers besteht, von dessen Rombesuch und dem amüsanten Zusammentreffen mit dem Konzilspapst Paul VI.:

„‚Nicht der sachliche, aber der dramatische Höhepunkt unserer Römertage war natürlich unser Empfang im innersten Sanktuarium der römisch-katholischen Kirche‘ – bei Paul VI. im Vatikan, der ‚uns … buchstäblich mit ausgebreiteten Armen empfing.‘ Er ‚machte mir den Eindruck eines achtungswürdigen, ja liebenswürdigen, aber irgendwie zu bedauernden Mannes. Er begann (nach einer kleinen Lobrede auf mich) mit der fast rührenden Mitteilung, wie schwer es doch sei, die ihm vom Herrn anvertrauten Schlüssel Petri zu tragen und zu handhaben‘. ‚Ich wagte es dann, … auch ihm die eine und andere meiner mitgebrachten Fragen vorzulegen: z.B. die nach meinem theologischen Status als einer von den fratres sejuncti [getrennte Brüder], wie wir in den Konzilsdokumenten ständig genannt werden – ob er damit einverstanden sei, dass … in dieser Formel das Wort fratres zu unterstreichen sei? Er schien damit einverstanden zu sein. 

Auch der schwierige Punkt der Mariologie blieb nicht unberührt: der Papst hatte davon gehört, dass ich Joseph, den Nährvater Jesu, als Urbild des Wesens und der Funktion der Kirche der nachträglich zur Himmelskönigin erhobenen ancilla Domini [Magd des Herrn] vorziehen möchte, und versicherte mir, er würde für mich beten, dass mir in meinem hohen Alter in dieser Sache noch tiefere Einsicht geschenkt werden möchte.‘ Zum Schluß der einstündigen Audienz schenkte Barth dem Papst vier seiner Bücher – ‚hervorgeholt aus einer alten … Aktenmappe, die schon die Barmer Synode von 1934 mitgemacht hat‘ – während dieser ihm ein Faksimile des Codex Vaticanus verehrte. Gleich im Anschluss an die Audienz suchte Barth die Gräber von Johannes XXIII. und Pius XII. auf. Der Gesamteindruck, den er von dieser Reise mit heimbrachte: ‚Die Kirche und Theologie drüben ist in einem Maß in Bewegung geraten, das ich mir so nicht vorgestellt habe‘ – und jedenfalls: ‚Der Papst ist nicht der Antichrist!‘“ 

Auch DER SPIEGEL hatte offenbar Wind von der (Brief-)Freundschaft zwischen den beiden, wie ein Artikel aus dem Jahr 1976 beweist - hier.

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