05.01.2013

NEUSPRECH

Alipius vom Klosterneuburger Marginalien-Blog machte jüngst darauf aufmerksam, dass der Thienemann Verlag mit der Zustimmung des Autors Otfried Preußler nun damit beginnt, diverse Kinderbuchklassiker sprachlich zu überarbeiten, sprich: von politischen Unkorrektheiten zu säubern. Dass es in der Kinderstube unserer Bundesministerin für Familie schon jetzt keine Negerkönige mehr gibt und dass man dort, im Hause Schröder, die Gottheit auf genderneutrale Art und Weise anzubeten pflegt, wissen wir ja schon seit geraumer Zeit.
Das ganze wäre eigentlich zum Lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Auf einer wesentlich grund-sätzlicheren Ebene erleben wir Sprachverbote und Umdeutungen dieser Art nämlich schon seit Jahrzehnten – mit zum Teil folgenschweren Konsequenzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es zwar nach wie vor in Artikel 1.1 GG; gemeint war damit allerdings einst die unverbrüchliche Menschenwürde, die jedem Menschen von Gott her zukommt und die weder verloren noch verwirkt werden kann, auch dann nicht, wenn man schwerstbehindert zur Welt kommt oder sich im Endstadium einer Alzheimer-Erkrankung befindet. Inzwischen jedoch wird der Begriff Würde allzu oft thematisch verlagert in den Bereich der Willensfreiheit und gleichgesetzt mit den Begriffen Autonomie und Selbstbestimmung. Es heißt dann oft: „Bevor ich dieses oder jenes nicht mehr kann, möchte ich lieber sterben.“ Oft wird sogar explizit gesagt, dass ein Dasein ohne Selbstbestimmung ein un-würdiges Dasein sei. Den in Deutschland vorbelasteten Terminus des ‚lebensunwerten Lebens‘ vermeidet man dabei tunlichst, auch wenn man letztlich dasselbe meint. Schließlich muss man nicht Kants kategorischen Imperativ bemühen, um zu sehen, dass jemand der sich nach einer Alzheimer-Diagnose das Leben nimmt bzw. nehmen lässt (und sei der Entschluss dazu noch so privat und individuell), damit ein allgemeines Signal an alle Alzheimer-Erkrankten aussendet: „Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mich umbringen, um der zukünftigen Würdelosigkeit zu entgehen.“ Akzeptiert man also den ersten Schritt und geht von der möglichen Verlierbarkeit der vom Grundgesetz geschützten Menschenwürde aus, wie es diverse Philosophen, Rechtswissenschaftler und ein Gros der bundesdeutschen Bevölkerung schon heute tun, so ist der Dammbruch eigentlich bereits vollzogen. Weiteren Entwicklungen sind Tür und Tor geöffnet: „Denn wenn es derart ‚menschenunwürdiges Leben‘ gibt, dann ist es inkonsequent, einen derartigen Gnadentod nur zu vollziehen, wenn dies den tatsächlich geäußerten Willen der Betroffenen entspricht und wenn Menschen sich im Sterben befinden. Man dürfe, so etwa der australische und im jetzigen Princeton lehrende Bioethiker Peter Singer, der deutsche Rechtsphilosoph Norbert Hoerster und viele andere zugleich davon ausgehen, dass ‚vernünftig‘ und ‚rational‘ denkende Menschen, die nichts Gegenteiliges geäußert haben oder deren eindeutige Lebenseinstellungen dem nicht widersprechen, einer solchen ‚Erlösung‘ von einem ‚menschenunwürdigen Dasein‘ immer zustimmen würden“ (Ulrich Eibach). An dem Wörtchen Würde (und seiner ursprünglichen Bedeutung) hängt also viel.

Ein weiterer Bereich, an dem sich die Umdeuter seit Jahren abarbeiten, ist der Bereich von Ehe und Familie. Wo ehedem klar war, dass die Ehe eine monogame Verbindung zwischen Mann und Frau ist und der Begriff Familie eine Vater-Mutter-Kind(er)-Konstellation meint, da firmiert heute alles – von der Patchwork-Familie auf Zeit bis zum schwul-lesbischen Besamungsabkommen – unter exakt denselben Bezeichnungen. Grund dafür ist ein geradezu orwellscher Strategiewechsel: Früher griff man die Institution Ehe offen an, erklärte sie für ein spießiges Relikt aus patriarchalen Tagen und lehnte sie rundweg ab (‚Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment‘); heute jedoch hat man sich darauf verlegt, die alten Begriffe so sehr auszuweiten, dass sie auch die neuen Handlungsweisen und Lebensformen einschließen. Auf diese Weise erhalten letztere zusätzlich eine gewisse bürgerliche Legitimität. So äußerte unlängst sogar der britische Premierminister David Cameron, er befürworte die Homo-Ehe, nicht weil er etwa liberal, sondern gerade weil er konservativ sei und die Ehe als Institution schätze. Eine wahrlich bemerkenswerte Argumentationsleistung!


Was also tun? Letztlich werden wir als Christen mit der gesellschaftlichen Deutungsmacht und Prägekraft der Medien und der Politik nicht mithalten können. Umso wichtiger ist es, mutig und entschlossen am christlichen Bekenntnis und an der Lehre der Kirche festzuhalten. Das sind wir Christen im Übrigen auch unserer Gesellschaft schuldig: Während die Genderideologie im Praxistest versagt, ist es an uns, zu zeigen, dass zwischen Männlein und Weiblein ein Unterschied jenseits jeglicher Geschlechter-Diskriminierung besteht. Während die Scheidungsrate weiter in die Höhe schnellt, ist es an uns, zu zeigen, dass eine Verbindung, die sakramental auf Christus gründet, stabil ist und ein Leben lang hält. Während die Welt um uns herum meint, von der Hand eines anderen den guten Tod zu sterben, ist es an uns, zu zeigen, dass man an der Hand eines anderen und im Vertrauen auf Christus einen besseren stirbt. Kurzum: Machen wir es besser, machen wir es christlicher!

„So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen." (Matt 5,16)

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