21.01.2013

ZUR LAGE DER VOLKSKIRCHE(N)

Ich wage das Experiment und stelle heute mal einen längeren Text zur gegenwärtigen geistesgeschichtlichen Situation und zur Lage der Volkskirchen ein. Ich hoffe, die geneigte Leserschaft lässt sich von der Länge des Textes (der, ich geb's zu, ein bisschen düster-überzeichnet ist) nicht abschrecken. 

„Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?" Diese Anfrage Nietzsches hatte schon zu seiner Zeit ihre Berechtigung; uns Heutigen aber hat sie wie Prophetie zu klingen. Die Gotteshäuser sind leer und verwaist – und das gilt allzu oft auch dann, wenn die Bänke gut gefüllt sind. Wer der harschen Diagnose durch den Verweis auf protestantische Innerlichkeit zu entgehen meint, muss bald eingestehen, dass längst auch Häuser, Heime und Familien kein Ort der Schriftbetrachtung und des Gebets mehr sind. Diejenigen, die sich sonntags zur Kirche tragen, tun es oft verschämt, hohlen Blicks, unwissend: Kaum ein Katholik, der die Liturgie seiner Kirche begreift; kaum ein Protestant, der weiß, was es mit der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben auf sich hat. Der Kirchgang gleicht einem Kondolenzbesuch bei denen, die  hauptamtlich Totenwache zu halten haben und in zeremoniellem Gewand am Leichnam des verwesenden Gottes ausharren. Wirklich gekannt hat man diesen Gott nicht, aber eine Mischung aus morbider Neugier, leiser Reue und pflichtbewusster Grabpflege treibt wöchentlich Hundertausende in die Kirchen. Noch, möchte man hinzufügen. 

Caspar David Friedrich - 'Winterlandschaft mit Kirchenruine'

Und von denen, die draußen sind, von den gänzlich Gott-losen ist an dieser Stelle noch kein Wort gesagt. In diesem Sinne ist es wahr: Die Kirchenkrise ist eine Gotteskrise. Was also, wenn der Radio hörende, elektrisches Licht benutzende Mensch von heute wirklich nicht mehr glauben kann an einen Gott, der die Toten auferweckt (s. Rudolf Bultmann)? Andererseits, ist es nicht eben dieser homo faber, der in zunehmendem Maße glaubt – an Tarotkarten, Horoskope, Astrologie? Ist sie nicht gerade heute vielen Zeitgenossen wieder zu wünschen, die augustin‘sche Erkenntnis, dass die „trügerischen Zukunftsdeutungen der Astrologen und ihre gottlosen Albernheiten“ nichtig sind? Ist das alttestamentliche Verbot der Wahrsagerei und Zauberei nicht insofern wieder aktuell (vgl. Lev 19,26b)? Wie auch immer man dieses Phänomen religionsgeschichtlich einordnen mag, eines lässt sich aus dem Aufleben neopaganer Bräuche, animistischer Naturfrömmigkeit und fernöstlicher Religiosität schlussfolgern: Die Krise, in die der christliche Gottesglaube geraten ist, ist nicht nur dem Zuwachs an naturwissenschaftlicher Erkenntnis geschuldet, wie so oft – auch und gerade von atheistischer Seite – behauptet wird. Mit anderen Worten: Sie ist keine reine Supranaturalismuskrise. Es mag richtig sein, dass etwa die Ergebnisse der Evolutionsbiologie viele Menschen an  Glaubwürdigkeit und Verständnis der biblischen Schöpfungsberichte zweifeln lassen; vom Engels- und Geisterglauben, vom Animismus, Schamanismus und Spiritualismus halten sie sie nicht ab.

Es ist also weniger der bloße Glaubensakt (fides qua creditur), der Schwierigkeiten bereitet, als vielmehr der konkrete Inhalt des Glaubens (fides quae creditur). Die offenbarte christliche Doktrin, bei der man zu bleiben hat, eben weil sie offenbart ist, wird mehr oder weniger offen abgelehnt. Die Ursache für dieses allmähliche Auseinandertreten von Glaube und Geglaubtem ist geistesgeschichtlich verwoben mit Aufklärung und Aufstieg der szientistischen Weltbetrachtung. Zwar hat das wissenschaftliche Stadium die Religion nicht in dem Maße verdrängt, wie es sich die comte‘schen Positivisten des 19 Jh. erträumten, nichtsdestotrotz wirkt der mit dem wissenschaftlichen Projekt der Moderne einhergehende Tunnelblick weiter nach. Fortschrittswille und Wunsch nach Natur- und Weltbeherrschung bestimmen nun auch den Blick aufs Religiöse. Der erkenntnistheoretische Ansatz Kants, der noch nach der Möglichkeit des Glaubens fragte, ist der pragmatischeren Frage nach dem Wozu des Glaubens und seiner Sätze gewichen. Das depositum fidei wird auf seine Welttauglichkeit hin abgeklopft. „Auf seinem Weg in Raum und Zeit verändert der Mensch die Welt, der er begegnet, und diese Veränderung verändert wiederum ihn selbst. Indem er in seinem Drang nach vorwärts alles ihm Begegnende zum Werkzeug macht, wird er schließlich selbst zum Werkzeug. Aber auf die Frage, wozu das Werkzeug dienen soll, weiß er keine Antwort“ (Paul Tillich).

Es ist dieser verdinglichende Drang nach vorwärts, der auch die Sphäre des Religiösen nicht verschont. Der Wille zur Macht macht vor Transzendentem nicht Halt. Es darf somit nicht verwundern, dass es gerade das vor-christliche Heidentum, die animistischen Naturreligionen und die fernöstlichen Spiritualitäten sind, die dem modernen Menschen attraktiv erscheinen: Götter, Geister, Engel und Naturwesen sind als metaphysische Werkzeuge zu Diensten und nach Belieben verfüg- und manipulierbar. Meditationstechniken, Trancen und eine Vielzahl vulgärer Psychologismen überfluten den Markt. Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Hokuspokus verschwimmen zusehends. Nicht umsonst wohl lässt Solowjew den Wundertäter seiner Antichrist-Erzählung einen großen Magier, einen profunden Kenner und Verbinder westlicher Wissenschaft und  östlicher Mystik sein. Denn für "die Magie so gut wie für die angewandten Naturwissenschaften heißt das Problem, die Wirklichkeit den Wünschen der Menschen gefügig zu machen; die Lösung liegt in der Technik“ (C.S. Lewis). Hierin – und nicht etwa in einem irgendwie agnostischen oder atheistischen Nicht-mehr-glauben-Können – liegt die Ablehnung begründet, die der christliche Glaube sowohl inner- als auch außerkirchlich gegenwärtig erfährt. 

Der biblische Gott, der der lebendige Gott ist, ist der schlechthin Unverfügbare. Der Anthropozentrismus, der dem fortschrittsoptimistischen Modernen wie dem  identitätskrisengeschüttelten Postmodernen zur zweiten Natur geworden ist, hat in einer theozentrischen Weltanschauung wie der christlichen keinen Platz. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,33). Hier ist der Mensch der Verfügte, der Unfreie, Sklave der Sünde oder Sklave Christi – tertium non datur. Er ist angewiesen auf die freiwillige Herablassung des Allerhöchsten. Er ist es, der die Knie zu beugen hat. Der Deus absconditus hingegen offenbart sich, wann er will. Der gnädige Gott schließt den Bund, mit wem er will. Und selbst da, wo es auf göttliche Weisung hin zu Berührungspunkten der Sphären kommt – im Opfer- und Tempelkult  Israels, in den Sakramenten der Kirche, im Wort der Verkündigung –, selbst da bleibt er der, dessen Anwesenheit unverfügbar ist, der, auf den niemand schon qua Opfers ein Anrecht hat, denn „der Gottlosen Opfer ist dem Herrn ein Gräuel“ (Spr 15,8a). „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,5). Der Geist Gottes aber ist frei und weht, wo er will (auch dann noch, wenn man bekennt, dass er sich in gnädiger Herablassung an die Taufe gebunden hat); das Wort Gottes ist ungebunden und wirkt, was es soll. „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“ (Röm 9,20) Der Gott, der so spricht, ist hoch erhaben über den Bereich des Manipulierbaren – und von daher uninteressant für die, die draußen sind. Dort, außerhalb der Kirche Christi, will man Götter, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, die sich dem Machtanspruch des Menschen nicht entgegenstellen, sondern sich fügen. Von daher gilt das alte ‚extra ecclesiam nulla salus‘ unvermindert, denn solchermaßen manipulierbare Götter sind Götzen. Sie haben der Welt nur zu sagen, was diese ihnen zuvor souffliert. Und so verwundert es nicht, dass es zumeist ein simples „Weiter so!“ ist, das ihre hölzernen Münder verlässt. 

Aber auch hier, innerhalb der Kirche Christi, will man mit Vehemenz einen solchen Gott. Will? Vielerorts hat man ihn schon! Es ist der einzige Gott, über den sich frei verfügen lässt: Ein toter Gott. JHWH nur noch dem Namen nach. Es ist dies eben der Gott, der vom Kirchenvolk Woche für Woche stumm begafft und betrauert wird. Luther hat hierin den tiefsten Kern der Konkupiszenz gesehen: Der Mensch, homo incurvatus in se, will auch und gerade in der wahren Religion homo faber sein und das Heft des Handels nicht aus der Hand legen. Aus diesem Grund macht er aus dem Gott, der spricht „Ja, lieber Mensch …“ wieder und wieder den lieben Gott der Kontingenzbewältigung, der dann spricht, nur dann spricht, wenn man es ihm aufträgt: Zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen etwa. Das rechte Wort zur rechten Zeit. Um diesen Götzen dauerhaft zu bewahren und das Einbrechen des lebendigen Gottes in seine Kirche zu verhindern, bedient man sich dreier Reden: der Rede von der Freiheit, der Rede von der Unzeitgemäßheit und der Rede von der Zeitbedingtheit. Die Freiheit ist das Offenbarungsorgan des toten Gottes. Man bedient sich der Rede von ihr, wenn man sich Bereiche erschließen will, die bisher verboten und verwehrt gewesen sind. Natürlich, man weiß um die petrinische Warnung, die Freiheit nicht als Deckmantel für das Böse zu nehmen (vgl. 1 Pet 2,16). Aber dann, ist so zu reden, zu warnen, zu begrenzen nicht schrecklich unzeitgemäß – und wider die christliche Freiheit? Die Rede von der Unzeitgemäßheit ist die Schwester der Rede von der Freiheit. Wann immer jemand sich erdreistet, die eine in ihre Schranken zu verweisen, springt die andere herbei und tadelt solches Reden: „Ist das noch zeitgemäß?“ Die dritte, die Rede von der Zeitbedingtheit, ist die älteste Schwester. Ihre Stimme war schon im Paradies: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ Eine Kirche aber, die die Reden von Unzeitgemäßheit und Zeitbedingtheit wie selbstverständlich zu ihrem defensiven Repertoire zählt, läuft Gefahr sich selbst in den je eigenen Bedingtheiten zu verstricken und die Dogmen der Zeit bereitwillig zu übernehmen. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Eine streitende Kirche, die meint, mit der Rede von der Freiheit eine Brücke in jegliche Gefilde der (johanneisch verstandenen) Welt schlagen zu können, prüfe sich selbst, ob sie noch im Glauben steht. „Das Stehen in der Freiheit, auch in der religiösen Freiheit, wird bezahlt mit Verlust an lebendiger Substanz“ (Paul Tillich).

Sagen wir es frei heraus: Die Gotteskrise, die sich als Kirchenkrise manifestiert, ist in Wirklichkeit eine Verkündigungskrise. Von der Kanzel verkündigt wird der tote Gott. Errichtet werden Hütten auf Tabor. Es werden Tür und Tor hoch und weit gemacht, doch nicht für den Herrn der Herrlichkeit. „In der Absicht, der modernen Welt die Arme zu öffnen, öffnete die Kirche ihr die Beine“ (Nicolás Gómez Dávila). Wie im Falle Trojas, sind es  Ermüdung und Kraftlosigkeit derer, die Verteidiger sein sollten, die dem hölzernen Pferd den Weg bereiten. Woher aber solche Kraftlosigkeit, wenn nicht aus Scham? „Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes“, schreibt der Apostel an die Römer im Zentrum der heidnischen Welt. Wer das Evangelium hat (hat, wohlgemerkt, in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen!), der hat die δύναμις Gottes! Was ist dann aber Kraftlosigkeit anderes als Evangeliumslosigkeit? Man wird sich kirchlicherseits diesem Vorwurf stellen müssen. Hat man nicht mithilfe der dreifachen Rede – der Rede von der Freiheit, von der Unzeitgemäßheit und von der Zeitbedingtheit – den lebendigen Gott ausgetrieben und ihn und das Evangelium seiner Kraft eingetauscht gegen den toten Kirchengott mit seiner zur bloßen Therapie degenerierten Frohbotschaft? Hat man nicht hier, im Innenraum der Kirche, die Frohbotschaft zur schalen, oberflächlichen Freudenbotschaft gemacht – und die Gotteshäuser gleich mit zu Freudenhäusern? Es ist dies das große Paradoxon unserer Kirchen-Zeit: Denn was sind diese Freudenhäuser nun in Wirklichkeit anderes als die Gräber und Grabmäler Gottes?!

Waren im 19. Jh. Moralismus und Kulturprotestantismus die Evangeliums-Substitute eines Teils der Kirche, so nehmen heute Besinnlichkeitsrhetorik und Entertainment diesen Platz ein. Aber „entertainment is the devil’s substitute for joy“ (Leonard Ravenhill) und spätesten seit Bunyans »Pilgrim's Progress« wissen wir, dass Christen der Jahrmarkt der Eitelkeiten nicht gut bekommt. Der tote Gott jedoch erlaubt all denen in seinen Häusern das Gastspiel, die neben ihrer eigenen Gerechtigkeit auch ihre eigene Freude aufzurichten suchen – eben weil er selbst die wahrhaft evangelische Freude nicht geben kann. Gerechtfertigt wird dies seelsorgerlich; und übersehen wird dabei doch die wirkliche, die echte Not derer, die draußen und drinnen sind und die so nur zu wählen haben zwischen Verhängnissen: Skylla oder Charybdis, die Götzen der Welt oder der tote Kirchengott. Wer hieran etwas ändern will, der hat zuvor einzugestehen, dass die Scham dem Leib in sämtliche Glieder gefahren ist. 

Nur wer Buße tut, darf auf Veränderung hoffen. Das, was man so dringend braucht, hat man schon – aber es bedarf der Aktualisierung. Der, ohne den man ohnehin rein gar nichts tun kann, steht mahnend am Ende eines jeden solchen Irrwegs und damit am Anfang eines jeden echten Neubeginns: „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben“ (Jer 2,13b). Man wird es bekennen müssen. Und dann, erst dann, kann der Schlachtruf nach vorn ertönen: „Ad fontes!“ Denn es ist schon richtig: „Die Tradition ehren entbindet nicht der Pflicht, alles immer von vorn anzufangen, nicht bei Augustin oder Thomas oder Newman, sondern bei Christus“ (Hans Urs von Balthasar). Und doch, bevor der Vater ihn in die Arme schließen kann, hat der verlorene Sohn zurückzukehren aus dem fernen Land, in das er eigenmächtig ausgezogen war. Bevor Gemeinde Christi neu beginnen kann sich scham-los und kraft-voll zu ereignen, wollen die Kosten überschlagen und das Fundament geprüft sein, damit nicht letztlich doch nur auf Sand gebaut wird. Das hellenistisch „Erkenne dich selbst“ und das paulinische „Erforschet euch selbst“ gehen dabei als Zweck- und Instrumentalursache Hand in Hand. Es klingt paradox, aber diejenigen, die wieder lebendige, sich ereignende Gemeinde Christi sein wollen, haben sich zunächst als solche wiederzuerkennen; wir tun dies, indem wir uns selbst erforschen und uns so des Schatzes vergewissern, der der Kirche anvertraut ist: „Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“

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