02.02.2013

GLAUBE, KIRCHE, WELT UND HEIL

„Ganz gleich, mit welcher Glut der Begeisterung und Bewunderung eine Erzählung, ein Musikstück oder ein Bild besprochen und untersucht wird, es wird immer wieder Menschen geben, denen das alles nichts sagt und denen kein Schauder durch das Rückenmark geht.“ Mit diesen Worten beginnt Vladimir Nabokov seinen Kommentar zu Kafkas Verwandlung. Haben wir als Religiöse nicht eine ähnliche Diagnose auszusprechen? Was da im Bereich der Kunst gilt, gilt das nicht gerade auch im Bereich der Religion und des Glaubens? Gibt es sie nicht, die, wie Max Weber sagt, schlechthin „religiös Unmusikalischen“? Die Antwort: Ja, es gibt sie – und es gibt sie ausschließlich! Denn: „Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt“ (Röm3,11). Die tatsächliche religiöse Unmusikalität reicht weiter und tiefer als Weber es ahnte. In ihr klingt es wider, das Echo des Falls. Denn nicht allein das Erkenntnisvermögen der gefallenen Kreatur Mensch ist beeinträchtigt, der der Erkenntnis vorgeschaltete Wille ist das eigentliche Problem. Jene, die suchen, werden finden – aber wer sucht denn schon wirklich?


Es verwundert somit nicht, dass die Einsicht der dialektischen Theologie – „Gott wird nur durch Gott erkannt“ – als die Urgrunderkenntnis des Christen in der Kirchengeschichte immer wieder begegnet: „Von Gott muss man lernen, wie man von Gott zu denken hat; denn er wird nur erkannt, indem er sich selbst zu erkennen gibt“, schreibt der Kirchenlehrer Hilarius von Poitiers in »De trinitate«; „Gott wird nur erkannt, indem er sich offenbart“,  erklärt Edith Stein in »Wege der Gotteserkenntnis« die Mystische Theologie des Areopagiten. Viele weitere Zeugnisse ließen sich anführen, letztlich gipfelten sie doch alle in dem Ausspruch der kleinen Therese von Lisieux auf den wir hier hinauswollen: „Alles ist Gnade!“ Und ist nicht das auch das Grundanliegen der Reformatoren des 16. Jhs., wenn sie ihre Gnadenlehre in dem strengen ‚sola gratia‘ zusammenfassen? Wir sagten es ja bereits: Gott ist der Unverfügbare. Wir sagen es jetzt: Gott ist der gnädig Verfügende. Das gilt, ob wir dem dunklen Geheimnis der doppelten Prädestination (praedestinatio gemina) Glauben schenken oder nicht; das gilt, ob wir den Weg zur Verdammnis als breit begreifen oder auf die Allversöhnung (Apokatastasis) hoffen. Es gibt, so oder so, kein Heil an Gott vorbei.
   
Gott ist es, der uns in Jesus Christus das Heil bereitet hat; er „war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2 Kor 5,19a). Gott ist es, der uns das Heil zuwendet, indem er „unter uns aufgerichtet [hat] das Wort von der Versöhnung“ (2 Kor 5,19b). Dieses Wort will geglaubt sein. Der Glaube des Christen ist ein übernatürliches Ding. Er kommt, als das Geschenk Gottes, aus dem Hören der Botschaft (vgl. Röm 10,17); und auf diese Weise pflanzt er sich fort: „Erkennen und Künden gehören zusammen“ (Edith Stein). Wer einmal ergriffen ist, weil er begriffen hat, der kann nicht schweigen von dem, was er mit den Augen des Glaubens geschaut und  hörendenden Ohres vernommen hat. In eben diesem Sinne ist der Glaube nicht nur (aber auch!) das bloße Für-wahr-halten von Sätzen, sondern ein unmittelbares Hineingenommensein in die himmlische Realität, von der die Botschaft kündet. „Kehrt um und glaubt in dem Evangelium“ (Mk 1,15). Wer hineingenommen ist, der will auch andere mit hineinnehmen. Nicht aus Gründen der Dominanz oder der Macht; nicht, um das Christentum als die größte der Weltreligionen zu erhalten; nicht, weil eben alle nun mal so zu denken hätten; sondern weil er erfahren hat und weiß, dass hier, in der Versöhnung mit Gott durch den Christus, die Freude, die Fülle und die Herzensruhe ist, nach der es alle Menschen im Tiefsten verlangt. „Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es Ruhe findet in dir“ (Augustinus).

Der Glaube ist weiterhin das Band, das uns mit Christus verbindet und so das Verdienst seines Lebens, Liebens, und Sterbens uns zuwendet: Gerechtigkeit, Heiligung, Heilung, Sühne – wirksam durch Glauben (vgl. Röm 3,25). Wir bekennen deshalb mit Melanchthon, dass nur der Christus wirklich kennt, der seine Wohltaten kennt. Das heißt nicht, dass es nicht auch den unausgesprochenen Glauben derer geben kann, die zweifeln, die mit der äußeren Form nichts anzufangen wissen, denen vielleicht in Kirche und Gemeinde übel mitgespielt worden ist. All das ist bedauerlich und gehört behoben, das übernatürliche Band zerschneidet es nicht! Nichtsdestotrotz, die Verkündigung der Kirche hat abzuzielen auf den bewussten, den ausdrücklichen und ausgesprochenen Glauben. Sie hat die Gott-losen zur Umkehr zu rufen und zu verbinden mit Christus – und so mit Gott. Hierzu bedarf es der inneren Wirkkraft des Heiligen Geistes. Er ist es,  durch den der Vater diejenigen zum Sohn zieht, die er begnaden, beschenken und zu seiner Ehre heiligen will. Wie der Geist sich bereitwillig zum Werkzeug des Vaters macht, so hat sich der Verkündiger zum Werkzeug des Geistes zu machen. Dort, wo der Verkündiger in Treue und Vertrauen das Wort sagt und der Heilige Geist den Willen des Vaters wirkt, entsteht Hinwendung zu Christus und Nachfolge selbst durch Kreuz, Leid und Tod hindurch. Der Glaube stiftet Gemeinschaft, denn alle Bänder, von wo sie auch kommen, welchen Weg sie auch nehmen, laufen zusammen bei dem Einen. In dem Einen sind die Vielen eins. Nicht auf Kosten der je eigenen, individuellen Identität, sondern als verschiedene, unterschiedlich begabte Glieder am selben Leib. Das gemeinsame Hineingenommensein durch Glauben konstituiert die Gemeinde Christi.

Hier, im Kircheninnenraum, stehen den Gliedern die Gnaden- und  Vergewisserungsmittel zur Verfügung. Als Zeichen, Siegel und Instrument des initialen Hineingenommenseins, die Taufe als das Sakrament des Glaubens. Nur wer sich im Tod Christi selber mit gestorben ist, kann zur Auferstehung grabgelegt werden. Im Akt der Taufe wird der Täufling in Jesu vollbrachte Sendung eingetaucht, bekennt somit vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt das neue Leben, das er empfangen hat und empfangen will, und bezeugt seine neue Gliedschaft am universalen Leib. Dann das Wort der Verkündigung. Es hallt im Innern der Gemeinde wider und wider. In den einzelnen Gliedern hält es die Erinnerung wach, an den Augenblick, in dem sie das Wort zum ersten Mal selbst bewusst vernahmen und gemahnt sie so daran, dass das ganze Leben der Gläubigen eine stete Buße sein soll (s. Luther). Und als Herzstück die Feier der Eucharistie. Sie setzt das Paradoxon des heilsamen Todes dessen, der das Leben ist, gegenwärtig. Wer das Opfer des Sohnes verinnerlicht, der vergewissert sich seines eigenen Hineingenommenseins und vertieft es mit jedem Ma(h)l.

Die solchermaßen vergewisserte und heilsgewisse Gemeinde strahlt ihr Licht nach außen in die Welt. Sie steht ihrem Wesen als κκλησία, als Heraus-gerufene nach zwar im Gegensatz zu  Welt und Weltlichkeit, dies aber mit offenen und durchlässigen Grenzen und immer in dem verlangenden Bemühen, die je gegenwärtige Welt in Gemeinde Christi zu verwandeln. Denn das „Volk Gottes ist heute schon berufen, das zu sein, wozu letztlich auch die Welt berufen ist“ (John Howard Yoder). Wir werden dieser Berufung aber nicht gerecht, indem wir die Gemeinde, so sie auch in der Welt ist, zu einem weiteren Ort profaner Weltlichkeit machen. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, das, was in der Welt gut, richtig und schön ist, zu taufen, zu heiligen und sich einzuverleiben. Schließlich trägt ausnahmslos alles schon jetzt das schöpferische Prägemal ihres Herrn, auch dann, wenn es sich noch in törichter Rebellion befindet. Stellen wir es also nicht unter den Scheffel, das Licht, das wir noch haben; lassen wir es vielmehr leuchten vor den Menschen, damit sie den, den sie noch nicht preisen, in seiner Kirche erkennen können. Die Welt wird es uns danken – irgendwann.                                  

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