17.02.2013

GOTTESFRAGE FIRST

»Wir leben mittlerweile in einer missionarischen Situation, in der wir ganz neu den Glauben erlernen und ins Gespräch bringen müssen – ohne auf frühere Sicherheiten selbstverständlich bauen zu können. Aus diesen und ähnlichen Erfahrungen der Seelsorge resultiert für mich eine Einsicht, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte: Bevor ich mir über einzelne Glaubensinhalte Gedanken mache, muss ich mir grundsätzlich im Klaren darüber sein, ob ich an den Gott Jesu Christi glaube und welchen Ort Gott in meinem Leben findet. Das A und O des Glaubens ist die ganz persönliche Beziehung zu Gott. Und zwar mitten im Alltag! Ohne eine vertrauensvolle Nähe zu Gott bleibt alles religiöse Tun eine seelenlose Hülse, eine bloße Gewohnheit, die vielleicht schön ist, aber auf Dauer wenig hilfreich. Deshalb lade ich Sie im „Jahr des Glaubens“ dazu ein, sich der Frage zu stellen: Wer ist Gott für mich? Was ist mir in meinem Glauben wichtig? Wo habe ich meinen Glauben als so tragfähig erlebt, dass ich ihn weitergeben möchte: allen voran an meine Kinder und Enkel? Wie steht es um mein inneres Verhältnis zu Gott, um mein Beten? Schön wäre es, nicht nur im eigenen Kämmerlein an dieses Thema heranzugehen, sondern das Gespräch zu suchen mit dem Partner, mit Gleichgesinnten im Freundeskreis oder in der Gemeinde und – warum nicht auch? – mit den eigenen Kindern. Entscheidend ist hierbei nicht nur der Blick auf äußere Formen, sondern auch auf das, was den Glauben nach biblischem Zeugnis von innen her ausmacht. Der Hebräerbrief bringt es eindrucksvoll auf den Punkt: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Echter Glaube ist nicht ein bloßes Fürwahrhalten von Sätzen, sondern ein ehrliches Sich-Einlassen des ganzen Menschen auf den lebendigen Gott. Er macht uns Mut, unter seinem Geleit in die unbekannte Zukunft unseres Lebens aufzubrechen – auch dann, wenn wir ihn nicht verstehen können und uns vieles an ihm zur Frage wird. Wer sich mit Herz und Verstand Gott anvertrauen kann, hat zwar keine strengen Beweise, dass es ihn gibt, wohl aber gute Gründe. Ich vergleiche diesen Akt vernünftigen Vertrauens gerne mit einem Menschen, der sich in Liebe ganz auf einen anderen einlässt und mit ihm die Zukunft wagt. Auch er hat, genau besehen, keine Beweise, dass sein Vertrauen gerechtfertigt ist, aber doch seine guten Gründe! Vielleicht hätte mancher von Ihnen an dieser Stelle einige Klärungen zu einzelnen Glaubensfragen erwartet. Mir scheint es jedoch unter heutigen Bedingungen wichtiger zu sein, zunächst das Fundament unseres Glaubens zu beleuchten, bevor wir uns einzelnen Ausführungen in der Glaubenstradition der Kirche zuwenden. Es darf uns nicht so ergehen wie dem törichten Mann in der Bergpredigt Jesu, der sein Haus auf Sand baut, so dass es bei der nächsten Sturmflut einstürzt und alles unter sich begräbt (vgl. Mt 7,26f.). – Einen solchen Glauben kann man aber nicht diktieren. Er ist vielmehr ein Geschenk Gottes, um das wir immer auch beten müssen.« 

(Aus: Fastenhirtenbrief 2013, Erzbischof Hans-Josef Becker, Paderborn)

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