29.03.2013

DAS KREUZ, PUNKT DER ENTSCHEIDUNG

"Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft." (1 Kor 1,18)



»Uns heute ist das befremdliche, dass es Verlorene gibt. Wir geben damit nur zu erkennen, wie fern wir dem biblischen Denken sind. Nicht dies ist das Verwunderliche. Verwunderlicher ist doch gerade, dass es Gerettete gibt! Und das Verwunderlichste dies „uns aber“, dass wir zu denen gehören sollen, die selig werden. 

Wo ist die Stelle, an der diese endgültige Entscheidung fällt? Es muss ein letzter Maßstab sein. Soviel wir auch suchen, wir finden ihn nicht von uns aus. Nichts erscheint uns so ernst, als dass daran letzte Entscheidungen hängen könnten. Wie sich einer zu seinem Volk, zur Wahrheit, zur Religion stellt, kann hieran wirklich ewige Verlorenheit oder Errettung erkannt werden? In der Menschheit finden wir die Stelle nicht, die die letzte Entscheidung misst. Aber Gott hat solche Stelle gewiesen. Am Kreuz Christi soll es sich entscheiden, ob wir zu den Erretteten oder Verlorenen gehören. Das ist höchst verwunderlich, zu vernehmen, dass an diesem Kreuz die Menschheit in Erwählte und Verdammte zerfällt. 

Es sind die Verlorenen, denen das Kreuz ein Narrenglaube, ein Widersinn ist. Es ist eine Torheit für den gesunden, natürlichen Menschen. Wer wollte schließlich nicht auch sagen, dass er das Starke mehr liebt als das Schwache? Aber es sind Verlorene, denen Christi Schwachheit eine Torheit ist. Es ist eine Torheit für das ethische Bewusstsein. Es ist uns nicht recht, dass ein Guter sich so schlagen lässt; so stirbt kein guter Held. Aber es sind Verlorene, die das nicht gelten lassen. Es ist eine Torheit für unseren Gottesglauben, der in diesem Weg nicht Gottes Ehre finden kann. Hier ist es am ernstesten. Gott in solcher Verborgenheit und Schwachheit? Gottes Gegenwart in diesem menschlichen Elend? Aber es sind Verlorene, denen dies eine Torheit bleibt. 

Es sind die, die selig werden, denen dieses Kreuz die Kraft Gottes ist. Der „Torheit“ gegenüber steht die „Kraft“ und nicht die Erkenntnis oder Weisheit. Kraft Gottes besteht gerade in seiner Niedrigkeit und Schwachheit. Gottes Kraft ist seine Kraft zum Kreuz. Das ist aber auch Kraft für uns, wenn wir unter das Kreuz treten und unter ihm leben. Es erweist seine Kraft im Kampf gegen die Welt. In Niedrigkeit und Gottverlassenheit erkennt der Glaube die Kraft der Nähe Gottes; in Heiligung und Leiden die Kraft seiner Vergebung. Sind wir die, die von dieser Kraft her leben?«   

(Dietrich Bonhoeffer, 1935)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen