30.03.2013

KREUZESNUANCEN

Da ich regelmäßig Gottesdienste beider Konfessionen aufsuche, fallen mir die kleinen und großen theologischen und liturgischen Unterschiede immer wieder besonders auf. Das ist auch an den Kar- und Ostertagen nicht anders. Ein Beispiel: Sowohl in katholischen als auch in evangelischen Karfreitags-Gottesdiensten werden die prophetischen Worte vom leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53 verlesen. Während es jedoch in der katholischen Einheitsübersetzung in Vers 10 heißt:

Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.“

heißt es bei Luther 1984: 

So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.“

und die für ihre begriffliche Exaktheit bekannte  Elberfelder-Übersetzung lässt uns gar wissen:  

Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen.“

Es mag kleinkariert anmuten, auf diesen Unterschied hinzuweisen, doch hinter den Übersetzungsvarianten stehen unterschiedliche Verständnisse bzw. Betonungen des Sühneopfers Christi. Während die katholische Theologie betont, dass Jesus unser Leid auf sich nimmt und sich in selbstaufopfernder Liebe Gott dem Vater als wohlgefälliges Opfer darbringt, geht die klassische evangelische Theologie einen Schritt weiter: Jesus nimmt nicht nur unser Leid und unsere Schuld auf sich indem er selbst zur Sünde und zum Fluch wird, er (er)trägt auch, stellvertretend für uns, den gerechten Zorn Gottes des Vaters über die Sünde und Schuld des Menschen, sodass Gott an ihm stellvertretend die Strafe vollzieht, die wir verdient hätten: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen.“ So verstanden ist das Kreuz nicht nur Liebeserweis sowie Vergebungs- und Kraftquelle, sonder bereits in die Zeit vorgerücktes eschatologisches Endgericht. Jeder, der an den Christus und sein Opfer glaubt, wird nicht gerichtet bzw. verurteilt werden (vgl. Joh 3,18), weil das Gericht bereits vollzogen wurde - im Jahre 33 unserer Zeitrechnung, auf einem Hügel vor den Toren Jerusalems.    

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